Im Gespräch mit Dr. Marcus Bergmann – Preisträger des @ward für multimedial gestützte Lehrveranstaltungen 2014

Seit 2014 wird jährlich der @ward – Preis für multimediales Lehren und Lernen an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg verliehen. Ziel ist es, das Engagement und den Einsatz für multimedial gestützte Lehre zu würdigen und zu fördern. Die Auszeichnung wird zum einen für Projekte in der Konzeptionsphase und zum anderen für durchgeführte multimedial gestützte Lehrveranstaltungen vergeben. Für die Preisträger/innen beider Kategorien ist die Finanzierung einer wissenschaftliche Hilfskraft à 40 Stunden/Monat für ein Semester vorgesehen, welche die Lehrenden bei der Umsetzung des eingereichten Konzeptes bzw. bei der Weiterentwicklung des bestehenden Multimedia-Angebotes unterstützt.

Dr. Marcus Bergmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Strafrecht und Strafprozessrecht im juristischen Bereich der MLU und hat 2014 den ersten @ward in der Kategorie multimedial gestützte Lehrveranstaltung erhalten. Im Gespräch hat er uns über seine Erfahrungen und die Weiterentwicklung seiner Lehre berichtet.

Dr. Marcus Bergmann, Bildquelle: http://schroeder.jura.uni-halle.de/mitarbeiter/bergmann

Herr Bergmann, was war der ausschlaggebende Grund für Sie, sich mit multimedial unterstützter Lehre zu beschäftigen?
Ich hatte die Aufgabe, eine (freiwillige) Übungsveranstaltung im zweiten Semester (etwa 300 Studierende) anzubieten. Die Studierenden sollten die klausurmäßige Lösung von Strafrechtsfällen üben, also die Anwendung ihres theoretischen strafrechtlichen Wissens auf konkrete Sachverhalte, die einer rechtlichen Lösung zuzuführen sind. Klassisch läuft eine solche Veranstaltung so ab, dass der Dozent den Fall löst und der Großteil der Studierenden dabei zusieht. Das ist für mich aber kein effektives Üben. Um das Lösen von Fällen zu üben, muss man selbst Fälle lösen. Deshalb habe ich nach einer Möglichkeit gesucht, möglichst alle Studierenden aktiv einzubinden, ohne selbst mehrere hundert Lösungen korrigieren zu müssen. Ich habe mich also gefragt: Wie kann ich mich ersetzen? Und da schienen mir multimediale Elemente eine gute Möglichkeit zu sein.

Sie haben 2014 den @ward für multimedial gestützte Lehrveranstaltungen erhalten. Bitte beschreiben Sie kurz das Projekt, für das Sie ausgezeichnet wurden, und die Ziele, die Sie mit dem Einsatz multimedialer Elemente verfolgen!
In 3er-Gruppen haben Studierende (freiwillig!) klausurmäßig Fälle gelöst. Mit einer anderen Gruppe wurden dann diese Lösungen ausgetauscht und wechselseitig korrigiert. Der Einsatz multimedialer Elemente ermöglichte es, trotz der großen Zahl der Studierenden den Austausch reibungsfrei zu organisieren, Verbindlichkeit herzustellen, Ergebnisse zu sichern. Durch die multimedial gestützte wechselseitige Gruppenkorrektur konnte ich mich zum einen davon entlasten, alles selbst zu korrigieren, zum anderen aber immer im Blick behalten, was in den Gruppen geschieht, um ggf. einzugreifen.

Auf welche Weise hat der Einsatz multimedialer Elemente in Ihrer Lehrveranstaltung den Lernprozess Ihrer Studierenden unterstützt?
Die bloß skizzenhafte Besprechung, die eine Übungsveranstaltung sonst bietet, vermag diese Schwierigkeiten nicht nur nicht zu erfassen, sie vermittelt teilweise stattdessen ein unangebrachtes Gefühl der Einfachheit. Die Studierenden, die sich auf das Konzept eingelassen haben (die Teilnahme an der Veranstaltung war freiwillig!), haben das Fällelösen nicht nur theoretisch, sondern praktisch üben können. Selbst wenn man die Lösung eines Falles kennt, besteht eine ganz eigene Schwierigkeit darin, eine überzeugende gutachterliche Lösung zu schreiben und dabei alle relevanten rechtlichen Probleme hinreichend zu würdigen.
Hinzu kommt, dass die Studierenden durch die wechselseitige Gruppenkorrektur zum einen eine neue Perspektive auf die Falllösung erhalten sollten. Denn wer einen fremden Text korrigiert, muss sich mit der zugrundeliegenden Aufgabe noch einmal anders auseinandersetzen, als wenn er nur seinen eigenen Text reflektiert. Zum anderen sollte dadurch aber auch ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, wie man mit einer fremden Korrektur (insbesondere in der Klausur) umgehen, was man daraus lernen kann. Denn in einer zu großen Zahl von Fällen setzen sich Studierende mit den Korrekturanmerkungen in Klausuren nicht hinreichend auseinander, sondern beschränken sich darauf, die Note zu akzeptieren oder abzulehnen. Dies verschenkt Chancen.

Welches Feedback haben Sie von Ihren Studierenden erhalten?
Das Feedback war differenziert. Die Grundidee gefiel vielen, auch wenn eine große Zahl den erheblichen zeitlichen Aufwand bemängelte (pro Woche fielen zwei Stunden für den Besuch der Veranstaltung, mindestens zwei Stunden für das Lösen des Falles und noch einmal etwa zwei Stunden für die Korrektur der Lösung der Partnergruppe an). Für eine freiwillige Übungsveranstaltung ohne Leistungsnachweis erschien vielen eine Belastung von etwa sechs Stunden als zu viel. Andere haben dies als effektive Vorbereitung auf die Semesterabschlussklausur empfunden.
Bemängelt wurde von einigen die technische Umsetzung. Die unter ILIAS seinerzeit verfügbaren Möglichkeiten waren z. T. noch fehleranfällig. Datenverlust hat bei einigen Gruppen zu großer Frustration geführt. Außerdem empfanden viele Studierende ILIAS als unnötig kompliziert im Vergleich zur bekannteren Plattform Stud.IP. Diese Probleme konnten aber inzwischen – auch Dank des Feedbacks der Studierenden – teilweise gelöst und teilweise zumindest abgemildert werden.

Auf welche Weise hat die wissenschaftliche Hilfskraft zur Weiterentwicklung Ihrer multimedial gestützten Lehrveranstaltung beigetragen?
Die wissenschaftliche Hilfskraft hat bei der Folgeveranstaltung die Gruppenerstellung koordiniert, Studierendenanfragen beantwortet und mich bei der Erstellung neuer Lehrmaterialien unterstützt, sodass ich das Konzept weiter ausbauen konnte. Ein Kollege hat es in diesem Semester übernommen.

Werden Sie zukünftig auch in weiteren Lehrveranstaltungen multimediale Elemente einsetzen bzw. inwieweit haben Sie dies bereits getan?
Ja. Dieselbe Veranstaltung wurde nun bereits mehrfach in dieser Weise angeboten (und dabei jeweils überarbeitet). Sehr gefreut hat mich, dass auch Kollegen versuchen, dieses Konzept umzusetzen, weil sie vom potenziellen Mehrwert überzeugt sind.
Darüber hinaus werde ich auch in weiteren Veranstaltungen versuchen, multimediale Elemente einzusetzen. Zur Zeit lasse ich eine meiner Veranstaltungen aufzeichnen und arbeite an einem Konzept, diese Aufzeichnungen im folgenden Semester wieder einzubinden. Insbesondere für Selbstlernprogramme lassen sich multimediale Elemente meiner Meinung nach im Jurastudium sehr gewinnbringend einsetzen.

Was würden Sie anderen Lehrenden empfehlen, die multimediale Elemente ebenfalls (verstärkt) in ihre Lehre integrieren möchten?
Viel Zeit einplanen! Alles sorgfältig testen! Die Studierenden langsam an für sie neue Elemente heranführen!

Wie hat der Einsatz multimedialer Elemente Ihre Lehre verändert?
Tatsächlich im Hörsaal kaum. Meine Veranstaltungen sind eher gleich geblieben. Multimediale Elemente bieten mir aber die Möglichkeit, über die Präsenzveranstaltung hinaus zu wirken.

Worin sehen Sie die Vor- und Nachteile des Einsatzes multimedialer Elemente?
Der Vorteil besteht in der eben beschriebenen Ausweitung der Möglichkeiten, die einen echten Mehrwert bieten können. Der Nachteil besteht – wie jedes Engagement in der Lehre – im damit verbundenen zum Teil hohen Aufwand. Diesen muss man aus eigenem Antrieb aufbringen.

Wie wird sich Ihrer Meinung nach der Einsatz von E-Learning in Ihrem Fachbereich entwickeln?
Juristen sind leider sehr in althergebrachten Strukturen verhaftet, Innovationen werden mit der Skepsis des Unverständnisses betrachtet. Viele Kollegen sind immer noch der Meinung, dass es sich nicht lohne, über Veränderungen nachzudenken, da man das Optimum bereits erreicht habe oder es schlicht keine sinnvollen Alternativen gebe. Beides bezweifle ich. Doch langsam setzt bei einigen ein Umdenken ein. Ich hoffe, dass sich gerade die juristische Lehre in Halle zunehmend für zeitgemäßes Lehren öffnen wird, indem sie didaktische Erkenntnisse mit den heutigen Möglichkeiten, diese multimedial umzusetzen, verknüpft.

Herr Bergmann, herzlichen Dank für das Interview!

Auch in diesem Jahr wird an der Martin-Luther-Universität wieder der „@ward – Preis für multimediales Lehren und Lernen“ verliehen. Bewerbungen können noch bis zum 31.07.2016 eingereicht werden. Über ein Formular können sich Lehrende um die Auszeichnung bewerben bzw. alle Angehörigen der MLU können Lehrveranstaltungen für die Prämierung vorschlagen. Ausführliche Informationen zum Ablauf und den Bedingungen der Bewerbung finden Sie auf den Seiten des LLZ.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.