Inverted Classroom Konferenz in Marburg

In den letzten Jahren veränderte der Einsatz von digitalen E-Vorlesungen die Möglichkeiten der Gestaltung von Lehrveranstaltungen. An vielen Hochschulen werden zunehmend Lehr-/Lernvideos in vorproduzierter Form oder als Aufzeichnung einer Frontalvorlesung zur Unterstützung der Präsenzlehre aber auch zur Entwicklung von Online-Lernangeboten eingesetzt. „Gewinnt oder verliert die Qualität der Lehre?“Vor- und Nachteile von E-Vorlesungen werden aus Studierenden- und Dozentensicht öffentlich diskutiert.

Für die Studierenden eröffnen digitale Vorlesungen, auch im Hinblick auf Mobile Learning, neue Zeit- und Raumperspektiven. Daraus ergeben sich wesentliche Vorteile beim Nacharbeiten einer Vorlesung, dem Lösen von Übungsaufgaben oder der Prüfungsvorbereitung. Für die Lehrenden bieten unterschiedliche Einsatzszenarien von digitalen Vorlesungen eine Bandbreite an Möglichkeiten zur Neustrukturierung ihrer Lehrveranstaltung. Erfahrungen auf dem Weg neue Lehr-/Lernkonzepte umzusetzen, stellt z. B. Prof. Martin Lindner (Didaktik der Biologie) im Magazin der Martin-Luther-Universität „scientia Hallensis“ vor. In seinem Beitrag „Die Vorlesung von morgen?“ geht Prof. Martin Lindner auf sein Vorlesungskonzept mit Arbeits- und Diskussionsphasen ein. Die traditionelle Frontalvorlesung ist für Prof. Martin Lindner längst überholt.

Ein weiteres Modell zur effektiven Gestaltung von Vorlesungen ist das „Inverted Classroom Model“ auch als „Flipped Classroom“ bezeichnet. Das mediengestützte Konzept der Lehr-/Lernmethode des Inverted Classroom basiert darauf, dass die Inhaltsvermittlung, die in der traditionellen Lehre durch den Lehrenden in einer Präsenzzeit vor Ort stattfindet, mit der Übungs- bzw. Vertiefungsphase zu Hause vertauscht wird („Konzept des umgedrehten Unterrichts“). Ziel ist, die Lehrveranstaltung durch die Interaktivität lernerzentrierter und effektiver zu gestalten. Das Lerngeschehen in den Präsenzphasen wird im „Flipped Classroom“ somit wesentlich durch die Studierenden, ihre Fragen, Impulse und Aktionen bestimmt.

Abb.1: Traditionelle Lehre

Abb.2: Inverted Classroom

Bereits am 31. Mai 2012 stellten die drei Professoren Jürgen Handke (Philipps-Universität Marburg), Jörn Loviscach (Fachhochschule Bielefeld) und Christian Spannagel (Pädagogische Hochschule Heidelberg) das Inverted Classroom Model in einer gemeinsamen Pressemitteilung „Vorlesung verkehrt, aber richtig“ als neue „Vorlesungsform für das 21. Jahrhundert“ vor.

Vom 26.-27. Februar 2013 fand an der Philipps-Universität Marburg die ICM 2013 statt. Die ICM ist eine deutsche Fachtagung zur Thematik Inverted Classroom Model. Die Intention der Tagung ist, Lehrenden und Interessierten Theorie und Praxis zu vermitteln und gleichzeitig Lehrkräfte zu einem Austausch zusammenzuführen.

Am ersten Tag wurden den Teilnehmern in Workshops die Grundlagen der Videoerstellung (Umgang, Aufnahme, Skripting und Bearbeitung von Screencasts) mit Camtasia Studio 8  nähergebracht bzw. in die Thematik „Interaktive Unterrichtsstunde am ActivBoard“ eingeführt.

Der zweite Konferenztag begann mit einem Vortrag von Prof. Jörn Loviscach. Mit mehr als 2000 selbstproduzierten Lehr-/Lernvideos im Bereich Mathematik und Informatik verzeichnet er derzeit 8,9 Millionen Zugriffe auf seinem YouTube-Kanal. In seinem Vortrag „Videos in der Hochschullehre, konkrete Nutzung“ erklärte Prof. Jörn Loviscach den Ablauf seiner Videoproduktion und –bereitstellung und erläuterte Vorteile und Probleme sowie die Verknüpfung der digitalen Aufzeichnungen mit den Präsenzphasen.

“Was mache ich eigentlich in der Präsenzveranstaltung?” – eine Überlegung, die jeder Lehrende beim Einsatz des Inverted Classroom Model anstellen muss. Mit dieser offenen Frage begann ein aktiver Austausch im Workshop mit Prof. Christian Spannagel. Ausgehend von den Erfahrungen, die Prof. Christian Spannagel in seinen Lehrveranstaltungen Mathematik und Informatik für Lehramts-Studenten sammelte, wurden Methoden diskutiert, mit Hife derer die gewonnenen 90 Minuten effektiv und sinnvoll genutzt werden können. Hauptaspekt ist, dass in dieser Präsenzzeit mögliche Probleme und Fragestellungen, die sich aus der Vorlesung ergeben, diskutiert und beantwortet werden. Die Methode des „Aktiven Plenums“, die fachliche und soziale Eingebundenheit der Lernenden, gibt dabei den Studierenden Impulse produktiv zu werden.

Auf der ICM 2013 gab es viele weitere Beiträge und Anregungen zum Inverted Classroom Model. Vor allem ist die Konferenz ein Anstoß, über die Lehre und das Lernen neu nachzudenken. Für uns war die ICM 2013 auch im Hinblick auf die geplante Einführung von Opencast Matterhorn an unserer Universität ein gewinnbringender Austausch. Wir wollen die Lehrenden nicht nur technisch, sondern auch didaktisch und methodisch unterstützen. Die „Erfahrungsberichte“ mit dem „umgedrehten Unterricht“ sind dabei ein Wegweiser zum Einsatz neuer Lehr-/Lernkonzepte. Es bleibt zu prüfen, inwieweit das Modell des Inverted Classroom auf andere Studiengänge übertragbar ist.

Literatur

  • Handke, J.; Sperl, A.: Das Inverted Classroom Model. Begleitband zur ersten  deutschen ICM-Konferenz. Oldenbourg Verlag München 2012

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