Philosophische Gespräche auf dem Blog zum Seminar

Dr. Falk Bornmüller ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Philosophie. Blogs verwendet er nicht nur begleitend zu seinen Seminaren, sondern im Projekt „Denkwerkstatt“ auch mit Schülerinnen und Schülern der 9. bis 12. Klasse.

Auf dem Blog zur „Denkwerkstatt“ werden Lehrmaterialien als Open Educational Resources (OER) zur Verfügung gestellt. Außerdem bietet er eine Plattform sowohl für die individuelle Auseinandersetzung der Schülerinnen und Schüler mit den verschiedenen Themen als auch für einen Austausch unter ihnen und mit den Betreuenden des Projekts.

Höhere Partizipation in der Präsenzveranstaltung dank Austausch auf dem Blog

Neben dem Blog mit den Schülerinnen und Schülern nutzt Falk Bornmüller die Möglichkeiten von Blogs auch mit Studierenden. Sie bereiten dort die Inhalte vor, die später didaktisch für Schülerinnen und Schüler aufbereitet werden. Im fachwissenschaftlichen Seminar soll der Blog das eigene Textverständnis von Lehramtsstudierenden fördern, indem sie sich intensiv mit den philosophischen Inhalten auseinandersetzen. In diesem Fall handelte es sich um die Gedanken der Philosophin und Autorin Hannah Arendt.

„Ich wollte, dass die Texte nicht nur so nebenbei gelesen werden, sondern dass ich auch sichergehen kann, die wurden nicht nur gelesen – die wurden verstanden. Weil Blogbeiträge dazu geschrieben wurden, und dass die Studierenden auch mal außerhalb des Seminars in ein Gespräch über diese Texte treten. Die Aufgabe war für alle Studierenden mindestens zwei Blogbeiträge zu schreiben und mindestens zwei Kommentare zu anderen Blogbeiträgen zu verfassen.“

Dr. Falk Bornmüller

Als einen positiven Effekt des Blogs stellt Dr. Bornmüller heraus, wie die schriftliche Auseinandersetzung der Studierenden mit den Lektüretexten auf dem Blog das Seminar bereichert: Einfache Fragen zum Inhalt können bereits im Voraus geklärt werden und er kann viel mehr darauf eingehen, was genau die Seminarteilnehmenden beschäftigt oder wo noch Schwierigkeiten liegen. Auf dem Blog konnten die Studierenden Fragen oder kurze Statements zum aktuellen Text hinterlassen. „Das war für mich dann hilfreich, weil ich schon vorab Feedback bekommen habe, was finden die Studierenden spannend an dem Thema, was hat sie daran gerade interessiert, aufgeregt, was hat ihnen ein Fragezeichen auf die Stirn gekritzelt.“ Dies wiederum resultiert in einem lebendigeren Austausch vor Ort. Außerdem hilft es einigen, die sonst eher zurückhaltend sind, ihre Denkprozesse mit anderen zu teilen, ohne sich zu sehr von den direkten Reaktionen ihrer Mitstudierenden abschrecken zu lassen. Eine häufige Rückmeldung war, dass der Blog eine Bereicherung für die Vorbereitung der Prüfungsleistung darstellte, da er gleichzeitig als Sammlung der Inhalte fungierte. Überraschend war, dass die Studierenden weitaus mehr Text produzierten, als von ihnen gefordert war – was natürlich auch einen Mehraufwand für die Lehrperson darstellt.

Auf Blogs in der Lehre ist Dr. Bornmüller durch den Austausch mit dem LLZ gestoßen. Aus den verschiedenen multimedialen Möglichkeiten, die die MLU bietet, haben sie sich als interessante Bereicherung zur Präsenzveranstaltung herauskristallisiert, die mehr kann als nur der Sammelort für die Meinung einer Person sein kann. Denkbar wäre für ihn, den Blog auch als Ergebnissicherung zu nutzen, die dann als Produkt für sich stehen kann.

Erfahrungen im Umgang mit Blogs in der Lehre

Für ein produktives Arbeiten würde er anderen Lehrenden den Rat mitgeben, sich vorher über eine interne Netiquette, also Verhaltensregeln, Gedanken zu machen und diese den Teilnehmenden zu kommunizieren. Außerdem hat es sich als hilfreich herausgestellt, den Studierenden eine Einführung in die Benutzeroberfläche des Blogs anzubieten, da ein Verständnis für die Technik zwar teilweise vorhanden ist, aber nicht vorausgesetzt werden kann.

Insgesamt empfiehlt er die Verwendung von Blogs Lehrenden, die in ihren Veranstaltungen das Textverständnis der Studierenden sicherstellen wollen und sich dafür interessieren, was Studierende zu einem Text denken, welche Fragen und eigene Stellungnahmen sie dazu formulieren. Das Wissen darüber ist für ihn eine Bereicherung in der Vorbereitung der Sitzungen, weil er mit einem klareren Bild darüber, was er von den Studierenden erwarten kann, in die Veranstaltung geht. Da die Studierenden zum Beispiel in Klausuren und Hausarbeiten längere Texte verfassen müssen, konnten die Blogbeiträge inhaltlich als Ausgangspunkt für diese fungieren und hilfreich sein, einen eigenen sprachlichen Stil zu finden oder zu festigen.

„Der Blog hat etwas prozessuales, etwas nicht abgeschlossenes.“ Falk Bornmüller hat Blogs in seiner Lehre dazu verwendet Studierende in ihrem philosophischen Denken zu unterstützen. Dabei war der Blog mehr Mittel zum Zweck, als selbst der Zweck.

Selber machen!

Dieser Beitrag entstand im Rahmen der Arbeiten an dem offenen Selbstlernkurs zum Einsatz von Blogs in der Lehre des LLZ. Der Kurs steht frei zur Verfügung und hilft auch Ihnen, Blogs bzw. WordPress zu nutzen, um Ihre Lehre modern zu gestalten. Weitere Informationen finden Sie direkt im Selbstlernkurs. Dieser Beitrag wurde von Saskia Böhme verfasst.

Erst blättern, dann bloggen – Zeitungsartikel im Blog analysieren

In ihrem Seminar „Current Issues in U.S. Politics and Media Culture“ analysierte Frau Dr. Julia Nitz mit Studierenden ausgewählte Artikel der New York Times. Dabei beschäftigten sich die Studierenden mit dem Inhalt des Artikels, sowie dem historischen Hintergrund und verglichen die Darstellung des Themas mit anderen Zeitschriften. Die Studierenden bildeten dafür Gruppen von zwei bis vier Personen und erarbeiteten Beiträge zu den einzelnen Schwerpunkten in ihrem Weblog. Im Anschluss gaben die zuständigen Feedbackgruppen eine ausführliche Rückmeldung zu den Beiträgen über die Kommentarspalten im Blog. Jede Woche fand dann im Seminar die Vorstellung der Ergebnisse einer Gruppe sowie eine gemeinsame Auswertung statt. Frau Dr. Nitz formulierte für die Arbeit im Seminar klare Anforderungen: die Beiträge mussten wissenschaftlichen Standards entsprechen und es sollten verschiedene Medienformate eingebunden werden.

Viele gute Gründe!

Die Gründe, einen Blog in der Lehre einzusetzen, sind für Frau Dr. Nitz vielfältig: „Blogs bieten die Möglichkeiten zur Differenzierung in den Veranstaltungen und sprechen dadurch individuelle Fähigkeiten, Expertisen und Interessen der Studierenden an. Egal ob die eigenen Stärken im sprachlichen, schriftlichen oder gestalterischen Bereich liegen, sie können bei der Gestaltung des gemeinsamen Blogs eingebracht werden, was einen motivierenden Effekt hat.“ Die Dozentin schätzt zudem, dass durch das Verfassen eines eigenen Blogbeitrages ein Perspektivwechsel vollzogen werden kann. Im Rahmen der Aufgabenstellung sind die Studierenden nicht nur Lesende eines Artikels, sondern auch Verfassende eines Beitrags. „Es ist eine wichtige Erkenntnis bei der Arbeit mit Medien, dass es gewisse Hürden beim Verfassen und Veröffentlichen von Meldungen und Texten gibt“, so Nitz. Einen großen Lerneffekt hatte auch die gezielte Nutzung der Kommentarfunktion, wodurch die Studierenden lernten, ausführliche und sachliche Rezensionen zu den Beiträgen ihrer Mitstudierenden zu geben. Darüber hinaus eröffnet die Nutzung digitaler Medien im Seminar den Lernenden eine neue Berufswelt rund um Social Media und digitaler Kommunikation, mit der sie im Laufe der Ausbildung nur selten in Kontakt kommen.

Studierende  evaluierten die Veranstaltung

Die Veranstaltung wurde durch die Befragung von Studierenden evaluiert. Daraus ergab sich, dass die Nutzung des Blogs insgesamt gut angenommen wird. Die Studierenden schätzten den Einsatz von Blogs insbesondere als angenehme Abwechslung und Unterstützung im Lernprozess. Beklagt wurde allerdings der hohe Arbeitsaufwand. „Einen Blog zu erstellen ist eine sehr zeitintensive Angelegenheit, da die Inhalte nicht nur erstellt, sondern auch in geeigneter Art und Weise dargestellt werden sollen. Es ist wichtig, dies als Lehrender bei der Konzeption der Veranstaltung zu beachten, um die Studierenden nicht zu überfrachten. Daher sollte der Arbeitsaufwand an anderen Stellen reduziert werden“, berichtete Frau Dr. Nitz.

Aus Ihrer Erfahrung heraus kann die Dozentin noch einige Tipps für die Einbindung von Blogs geben: „Es zeigte sich vor allem im ersten Durchgang vor drei Jahren, dass die Studierenden wenig experimentierfreudig sind, wenn es um die Verwendung von unterschiedlichen oder fremden Medienformaten im Blog ging. Das besserte sich allerdings in den letzten Jahren, auch weil von mir kommuniziert wurde, dass eine abwechslungsreiche Gestaltung Teil der Bewertung ist.“ Eine Schwierigkeit für Studierende bestand auch in der individuellen Formatierung des Blogs, weil hier die benötigten Kenntnisse zur Anpassung im Programm fehlten. „Das war teilweise sehr frustrierend für die Studierenden, da ihnen ein optisch ansprechendes Design wichtig war“, so die Dozentin. Daher sollte eine Veranstaltung zu Beginn eingeplant werden, in der die Nutzung von WordPress erklärt wird. So erhalten die Studierenden einen Überblick zu den wichtigsten Funktionen des Programms und können den Mitarbeitenden vom LLZ ihre Fragen stellen. Auch die Erprobung der Funktionen in einem Übungsblog erwies sich als hilfreich, um den Umgang mit WordPress zu lernen. Wichtig ist, dass die Funktionen aktiv und im Sinne des wissenschaftlichen Arbeitens genutzt werden. „Ich denke hierbei vor allem an die Kommentarfunktion. Die Beurteilung der Beiträge durch die Studierenden untereinander ist wichtig, um Lernprozesse in Gang zu setzen. Daher müssen Mechanismen entwickelt werden, die dazu führen, dass anspruchsvoll und sachlich rezipiert wird. Das kann durch die Festlegung von Feedbackgruppen realisiert werden, die jeweils für die Rezension eines ausgewählten Beitrags verantwortlich sind“, sagte Frau Dr. Nitz.

Die Mischung macht’s!

Frau Dr. Nitz inspirierte auch ihre Kolleginnen und Kollegen dazu, Blogs in der Lehre anzuwenden. „Insgesamt sind wir am Institut sehr daran interessiert, uns in Sachen digitaler Lehre weiterzuentwickeln und experimentieren immer wieder mit neuen Medien. Manche Kolleginnen und Kollegen bevorzugen immer noch herkömmliche Formate in ihren Seminaren. Ich finde aber, das ergibt insgesamt eine gute Mischung, die durch die Verwendung von Blogs entsteht“, so Nitz.

Selber machen!

Dieser Beitrag entstand im Rahmen der Arbeiten an dem offenen Selbstlernkurs zum Einsatz von Blogs in der Lehre des LLZ. Der Kurs steht frei zur Verfügung und hilft auch Ihnen, Blogs bzw. WordPress zu nutzen, um Ihre Lehre modern zu gestalten. Weitere Informationen finden Sie direkt im Selbstlernkurs. Dieser Beitrag wurde von Paula Kofahl verfasst.

Neuer Onlinekurs: Barrierearmut in der digitalen Lehre

Das Leben für Studierende mit Beeinträchtigungen oder auch in besonderen Lebenslagen ist seit Corona noch mühsamer geworden als es eh schon ist. Dann kam die digitale Lehre an die Hochschulen, zahlreiche Videokonferenzen, Online-Prüfungen – die Universitäten sind in den Ausnahmezustand geraten und dabei längst nicht barrierefrei. Ein wesentlicher Bestandteil einer inklusiven Universität ist jedoch das barrierefreie oder wenigstens das barrierearme Studieren.

Ganz sicher kann man viele Barrieren in der (digitalen) Lehre nicht komplett beseitigen, aber man kann sie verringern. Teilweise klappt dies sogar recht einfach. Angefangen von der Planung einer (digitalen) Lehrveranstaltung, deren Durchführung bis hin zur Prüfung. Kleine Maßnahmen helfen bereits, eine gleichberechtigte Teilnahme für alle Studierende zu ermöglichen und deren Lernsituation zu verbessern.

Gesundheitliche Beeinträchtigungen (z. B. Sehstörungen) erschweren den Alltag. Foto: Felix Reißenweber | LLZ

Das Zentrum für multimediales Lehren und Lernen (LLZ) hat gemeinsam mit dem Verbundprojekt HET LSA einen frei zugänglichen Onlinekurs erstellt, der nun im öffentlichen ILIAS-Bereich verfügbar ist. Der Kurs gibt in insgesamt 4 Lernmodulen einen Überblick über die Barrierearmut in der digitalen Lehre. Er soll über die Möglichkeiten (und Pflichten) Lehrender innerhalb ihrer eigenen Lehre informieren und dazu motivieren, die Online-Seminare und Videokonferenzen, Prüfungen sowie die Lehr- und Lernmaterialien zu überdenken und entsprechend zu gestalten.

Vier Lernmodule geben einen Überblick über Barrierearmut in der Lehre.

Die vier Lernmodule – zwei davon sind online – können unabhängig voneinander bearbeitet werden. Sie enthalten zahlreiche Hinweise, Anleitungen, weiterführende Unterstützungs- und Beratungsangebote sowie Denkaufgaben und Impulse. Der gesamte Kurs des LLZ und des Verbundes steht unter der Lizenz CC BY-SA 4.0 DE; er kann vervielfältigt, verbreitet, öffentlich zugänglich gemacht und bearbeitet werden. 

Hier der Link zum Onlinekurs: www.llz.uni-halle.de/barrierearmut 

Und nun: Viel Erfolg beim Mitmachen, Lernen und Umsetzen! 

Wir freuen uns über Ihr Feedback, vielen Dank.

Einige allgemeine Hinweise für Hochschullehrende

  • Seien Sie offen gegenüber verschiedenen Beeinträchtigungen, zumindest versuchen Sie offen zu sein und signalisieren Sie, dass alle Studierende willkommen sind und ihre Anliegen und Bedarfe äußern können.
  • Bitte geben Sie Ihren Studierenden frühzeitig Informationen zu den Lernmaterialien, -formaten, zum Ablauf und zu den Arbeitsmethoden bekannt. Dies erleichtert für alle die Planung. Es können zudem vorab Barrieren überhaupt erkannt und somit Unterstützungsangebote gemacht werden.
  • Stellen Sie zu sämtlichen Online-Veranstaltungen eine Mitschrift bzw. eine schriftliche Ausarbeitung zur Verfügung. Zusammenfassungen, “Tafelbilder”, Notizen, Screenshots u. ä. sind für Sehbehinderte und Blinde, Hörbehinderte, Mobilitätseingeschränkte oder Studierende, die zu Hause Kinder betreuen, sehr hilfreich.
  • Regelmäßiges Feedback seitens Studierender sollte willkommen sein. Sprechen Sie dies bitte direkt an.
  • Reflektieren Sie immer wieder Ihre eigene Einstellung gegenüber Barrieren. Viele Barrieren sind überhaupt nicht sichtbar; oft werden einige Beeinträchtigungen vergessen oder schlicht übersehen. Denken Sie daher so oft wie möglich daran und versuchen Sie sie zu berücksichtigen: angefangen bei der Planung, bei Videokonferenzen, bei Prüfungen.

Freier Selbstlernkurs zu Blogs in der Lehre verfügbar

Blogs in der Lehre? Wozu das denn? Ganz einfach: Mit Blogs lässt sich Hochschullehre ganz einfach multimedial und modern gestalten. Und das auch noch ohne das man ein umfangreiches technisches Verständnis mitbringen muss oder permanent auf Support angewiesen ist. Aber wie?

In fünf Lektionen erklimmen Sie den Wissensberg zum WordPress-Profi

Im Dezember 2020 hat das LLZ zu diesem Zweck einen freien und offenen Selbstlernkurs zur Nutzung von Blogs in der Lehre veröffentlicht. Mithilfe der Blogsoftware WordPress wird dabei in fünf Modulen jede/r zum Blog-Profi. Angefangen beim Grundlagenwissen zum Thema Blog über die Einrichtung und Verwaltung bis hin zur einfachen sowie fortgeschrittenen Nutzung von WordPress bietet der Selbstlernkurs umfangreiche Lerninformationen. Die einzelnen Lerneinheiten sind dabei so konzipiert, dass sie innerhalb von kurzer Zeit absolviert werden können, damit Sie als Lernende/r den Kurs quasi nebenbei absolvieren können.

Angereichert mit umfangreichen (optionalen) Übungsaufgaben, Lernerfolgskontrollen und Videotutorials bietet der Kurs dabei verschiedene Lernwege. Ein besonderer Fokus bei der Erstellung des Kurses lag auch auf der tatsächlichen Nutzbarkeit in der Lehre, weswegen im letzten Kapitel noch drei Möglichkeiten zum Einsatz von Blogs in der Lehre thematisiert werden.

Der Kurs ist zu 100% kostenlos, steht jedem Menschen frei zur Verfügung und ist unter der Lizenz CC-BY-SA 4.0 DE natürlich auch teilbar. Die Inhalte wurden im Rahmen der Arbeit am Zentrum für multimediales Lehren und Lernen der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg von Benjamin Abicht, Mara Frey, Julia Mederus, Paula Kofahl, Saskia Böhme, Silvia Behrens, Christian Biondi, Henrik Spaan, Felix Reißenweber, Nele Birth und Hanna Scheufler erstellt.

Hier geht’s zum Kurs im ILIAS der MLU

Open-Book-Prüfungen und was sich dahinter verbirgt

Coronabedingt finden die meisten Lehrveranstaltungen und somit auch die Prüfungen an der Universität aktuell auf Distanz und digital statt. Welches Prüfungsformat stattfinden soll, das entscheiden Dozentinnen und Dozenten je nach Prüfungskultur und eigenem Prüfungsziel selbst: ob reine Online-Klausur, mündliche Prüfung via WebCam, zeitlich versetzte Prüfung (z. B. Projektarbeit, Hausarbeit etc.) oder Take-Home-Prüfung (vgl. dazu Prüfungen im Onlinebetrieb durchführen).

Immer mehr setzen sich so genannten Open-Book-Prüfungen (oft auch als Koffer- oder auch Take-Home-Tests bezeichnet) durch, bei denen zur Bearbeitung der Prüfungsfragen verschiedene Hilfsmittel erlaubt sind, z. B. Lehrbücher, Skripte, eigene Notizen oder Internetseiten. Bei üblichen Hausarbeiten oder Lernportfolios ist dieses Format bekannt. Bei den digitalen Open-Book-Prüfungen sind nun verschiedene Varianten zu unterscheiden: Die Prüfung, die zeitlich recht eng begrenzt ist und direkt auf einer Lernplattform geschrieben wird und die Variante, bei der etwas mehr Bearbeitungszeit eingeräumt wird, so dass Studierende längere Texte, Grafiken, Formeln etc. auf die Plattform hochladen können. Daneben gibt es Mischformen, also Prüfungsformate, die aus beiden Varianten bestehen oder gekoppelt sind. Kurz: Eine klare Abgrenzung ist schwierig. Allen Varianten ist gemein, dass Studierende eine Prüfungsplattform nutzen (an der MLU: ILIAS oder Studi.IP) und für die Prüfung verschiedene Hilfsmittel nutzen dürfen.

Bei einer Open-Book-Prüfung nehmen die Prüflinge vom heimischen Laptop aus teil (Quelle: Eduardo Dutra | pexels.com)

Wie sieht das Setting konkret aus?

Die Studierenden sind zu Hause und erhalten über eine Prüfungsplattform ihre Prüfungsfragen und -aufgaben. Eine digitale Klausuraufsicht, also eine Überwachung, ist nicht vorgesehen (vgl. Artikel über Proctoring). Hier soll es nicht nur um den vermittelten Lernstoff gehen, sondern darüber hinaus um eigene Denkansätze. Studierenden müssen daher die Lerninhalte tatsächlich verstehen und entsprechend anwenden, ausführen, sie analysieren und beurteilen können. Aus diesem Grund sind in Open-Book-Prüfungen offene anwendungs- und problemlösungsorientierte Fragen sinnvoll. 

Eine Überwachung und der Blick des Prüfenden und damit einhergehend der Datenschutz sind dabei nicht das Problem und die Herausforderung, sondern vielmehr die ablaufende Zeit. In einer vorher festgelegten Zeit müssen Aufgaben und Inhalte verstanden und entsprechende Antworten bzw. Lösungen bearbeitet und formuliert werden. Das Nachfragen oder Anmerken – z. B. bei technischen Schwierigkeiten – sollte bei Online-Prüfungen grundsätzlich möglich sein, dies funktioniert über Chat, E-Mail oder Telefon der Dozentin oder des Dozenten. 

Ablauf einer Open-Book-Prüfung

  • Der Zugriff für die Studierenden erfolgt über den Lernraum oder über einen Link; dies wird von den Lehrenden bereitgestellt und bekannt gegeben.
  • Mit der Anmeldung im System und dem Aufruf der Open-Book-Prüfung auf der ILIAS-Plattform (z. B. über Objekt “Übung” oder “Test”) startet auch der Prüfungsversuch: Die Studierenden können auf die Fragen zugreifen und mit der Bearbeitung beginnen. (Üblicherweise müssen sie eine Bestätigung und eine Eigenständigkeitserklärung abgeben, d. h. entsprechend ankreuzen.)
  • Die Abgabe muss in dem vorgegebenen Prüfungszeitraum erfolgen. (Bei technischen Problemen wird ggf. etwas mehr Bearbeitungszeit ermöglicht.)
  • Die Bearbeitung der Aufgaben erfolgt mit eigener Software (z. B. Microsoft Office) oder auf Papier und dem anschließenden Upload im System, also auf der ILIAS-Plattform.
  • Während der Bearbeitung findet keine Überwachung statt.
  • Alle Hilfsmittel (Lehrbücher, Skripte, Seminarmaterialien, Webseiten etc.) sind erlaubt.
  • Eine Zusammenarbeit bzw. ein Austausch mit anderen Personen ist nicht gestattet.
  • Die Antworten und Prüfungsmaterialien werden im System gespeichert und archiviert.

Was zu überdenken wäre

Man könnte zunächst meinen, dass bei einer Open-Book-Prüfung nicht gelernt sondern vielmehr die Hilfsmittel kurz vor der Prüfung nur noch ausgepackt werden. Dieser Gedanke ist jedoch falsch, denn wie bereits erläutert, laufen Open-Book-Prüfungen anders ab. Wenn Hilfsmittel bei einer Online-Prüfung zugelassen werden, sollte ein echtes und tatsächliches Verständnis der Lerninhalte vorhanden sein. Die Studierenden sollten fähig sein, Wissen zu organisieren und zu verknüpfen, Kontexte zu verstehen und zu bewerten, Sachinhalte zu interpretieren und kritisch zu denken. Darüber hinaus müssen sie dies in eine gut strukturierte und (fach)sprachlich korrekt geschriebene Antwort umsetzen. Die Studierenden gehen hier methodisch vor, müssen dabei wichtige Aspekte von unwichtigen unterscheiden können, sollten eine Meinung zu einem bestimmten Sachverhalt liefern und in der Lage sein, logisch und fachkompetent zu argumentieren. Das ist mit wenig Vorbereitung und vor sich liegenden Notizen kaum machbar. Ein Single-Choice-Fragen-Test dagegen fragt Fachwissen ab; Studierende erinnern Inhalte, rufen das Gelernte ab, brauchen es aber nicht unbedingt zu verstehen. 

Die Open-Book-Prüfung ist letztlich eine von vielen Prüfungsarten und natürlich müssen im Studium Fachbegriffe, Vokabeln und Definitionen gelernt werden und jederzeit abrufbar sein. Dieses Wissen aber in einer größeren Prüfung zu testen, scheint jedoch in einigen Szenarien von gestern. Vielmehr sollten solche Abfragen regelmäßig im Studienalltag, z. B. wöchentlich im Seminar, stattfinden. Nichtsdestotrotz: Prüfungsformate mit Antwort-Wahl-Verfahren haben ihre Berechtigung. 

Es liegt letztlich an den Dozentinnen und Dozenten, welche Prüfungsvariante am besten zu ihren Prüfungszielen passt und wie ihr Lernstoff am sinnvollsten bearbeitet werden kann. Sie sind es, die die Prüfungsaufgaben so formulieren müssen, dass sie selbst mit Hilfe von Lehrbüchern, Skripten und anderen Materialien herausfordernd genug sind. Nur: Was ist eine herausfordernde und angemessen schwierige Frage?

Beispielhafte Prüfungsfragen im Open-Book-Format:

  • praxisnahe Fallbeispiele, die von den Studierenden analysiert und bewertet werden, z. B. anhand von bestimmten Kriterien 
  • Aufgaben, bei denen es um die Konzeption eines geeigneten Untersuchungsdesigns geht
  • Fragen, bei denen die Studierenden widersprüchliche Sachverhalte diskutieren (Pro und Contra)
  • Aufgaben, bei denen Theorien auf ein aktuelles Thema angewandt werden müssen

Ein großer Vorteil einer Open-Book-Prüfung besteht in der Möglichkeit, dass Studierende nicht nur Auswendig-Gelerntes zeigen, sondern vielmehr ihre Lernleistungen auf höherem Niveau beweisen können. Sie werden sich entsprechend auch ganz anders auf die Prüfung vorbereiten. Diese Anforderungen sind alltagsnäher haben mit der tatsächlichen beruflichen Praxis zu tun.

Quellen und weiterführende Links

Ballweber, J. | netzpolitik.org (22.08.2020): Hochschule überwacht Studierende bei Online-Klausuren. (http://netzpolitik.org/2020/proctoring-hochschule-ueberwacht-studierende-bei-online-klausuren/)

Gontek, F. und J. Petter | SPIEGEL.de (18.12.2020): Was bei Onlineprüfungen erlaubt ist – und was nicht. (http://www.spiegel.de/start/digitales-semester-wegen-corona-was-bei-online-pruefungen-erlaubt-ist-und-was-nicht-a-0bea64d5-3746-47db-9914-dce9a437065c

Warnecke, T. und A. Burchard | tagesspiegel.de (31.07.2020) Klausur mit Überwachungskamera im WG-Zimmer. (http://www.tagesspiegel.de/wissen/debatte-um-unipruefungen-im-digitalsemester-klausur-mit-ueberwachungskamera-im-wg-zimmer/26054238.html)