Open-Book-Prüfungen und was sich dahinter verbirgt

Coronabedingt finden die meisten Lehrveranstaltungen und somit auch die Prüfungen an der Universität aktuell auf Distanz und digital statt. Welches Prüfungsformat stattfinden soll, das entscheiden Dozentinnen und Dozenten je nach Prüfungskultur und eigenem Prüfungsziel selbst: ob reine Online-Klausur, mündliche Prüfung via WebCam, zeitlich versetzte Prüfung (z. B. Projektarbeit, Hausarbeit etc.) oder Take-Home-Prüfung (vgl. dazu Prüfungen im Onlinebetrieb durchführen).

Immer mehr setzen sich so genannten Open-Book-Prüfungen (oft auch als Koffer- oder auch Take-Home-Tests bezeichnet) durch, bei denen zur Bearbeitung der Prüfungsfragen verschiedene Hilfsmittel erlaubt sind, z. B. Lehrbücher, Skripte, eigene Notizen oder Internetseiten. Bei üblichen Hausarbeiten oder Lernportfolios ist dieses Format bekannt. Bei den digitalen Open-Book-Prüfungen sind nun verschiedene Varianten zu unterscheiden: Die Prüfung, die zeitlich recht eng begrenzt ist und direkt auf einer Lernplattform geschrieben wird und die Variante, bei der etwas mehr Bearbeitungszeit eingeräumt wird, so dass Studierende längere Texte, Grafiken, Formeln etc. auf die Plattform hochladen können. Daneben gibt es Mischformen, also Prüfungsformate, die aus beiden Varianten bestehen oder gekoppelt sind. Kurz: Eine klare Abgrenzung ist schwierig. Allen Varianten ist gemein, dass Studierende eine Prüfungsplattform nutzen (an der MLU: ILIAS oder Studi.IP) und für die Prüfung verschiedene Hilfsmittel nutzen dürfen.

Bei einer Open-Book-Prüfung nehmen die Prüflinge vom heimischen Laptop aus teil (Quelle: Eduardo Dutra | pexels.com)

Wie sieht das Setting konkret aus?

Die Studierenden sind zu Hause und erhalten über eine Prüfungsplattform ihre Prüfungsfragen und -aufgaben. Eine digitale Klausuraufsicht, also eine Überwachung, ist nicht vorgesehen (vgl. Artikel über Proctoring). Hier soll es nicht nur um den vermittelten Lernstoff gehen, sondern darüber hinaus um eigene Denkansätze. Studierenden müssen daher die Lerninhalte tatsächlich verstehen und entsprechend anwenden, ausführen, sie analysieren und beurteilen können. Aus diesem Grund sind in Open-Book-Prüfungen offene anwendungs- und problemlösungsorientierte Fragen sinnvoll. 

Eine Überwachung und der Blick des Prüfenden und damit einhergehend der Datenschutz sind dabei nicht das Problem und die Herausforderung, sondern vielmehr die ablaufende Zeit. In einer vorher festgelegten Zeit müssen Aufgaben und Inhalte verstanden und entsprechende Antworten bzw. Lösungen bearbeitet und formuliert werden. Das Nachfragen oder Anmerken – z. B. bei technischen Schwierigkeiten – sollte bei Online-Prüfungen grundsätzlich möglich sein, dies funktioniert über Chat, E-Mail oder Telefon der Dozentin oder des Dozenten. 

Ablauf einer Open-Book-Prüfung

  • Der Zugriff für die Studierenden erfolgt über den Lernraum oder über einen Link; dies wird von den Lehrenden bereitgestellt und bekannt gegeben.
  • Mit der Anmeldung im System und dem Aufruf der Open-Book-Prüfung auf der ILIAS-Plattform (z. B. über Objekt “Übung” oder “Test”) startet auch der Prüfungsversuch: Die Studierenden können auf die Fragen zugreifen und mit der Bearbeitung beginnen. (Üblicherweise müssen sie eine Bestätigung und eine Eigenständigkeitserklärung abgeben, d. h. entsprechend ankreuzen.)
  • Die Abgabe muss in dem vorgegebenen Prüfungszeitraum erfolgen. (Bei technischen Problemen wird ggf. etwas mehr Bearbeitungszeit ermöglicht.)
  • Die Bearbeitung der Aufgaben erfolgt mit eigener Software (z. B. Microsoft Office) oder auf Papier und dem anschließenden Upload im System, also auf der ILIAS-Plattform.
  • Während der Bearbeitung findet keine Überwachung statt.
  • Alle Hilfsmittel (Lehrbücher, Skripte, Seminarmaterialien, Webseiten etc.) sind erlaubt.
  • Eine Zusammenarbeit bzw. ein Austausch mit anderen Personen ist nicht gestattet.
  • Die Antworten und Prüfungsmaterialien werden im System gespeichert und archiviert.

Was zu überdenken wäre

Man könnte zunächst meinen, dass bei einer Open-Book-Prüfung nicht gelernt sondern vielmehr die Hilfsmittel kurz vor der Prüfung nur noch ausgepackt werden. Dieser Gedanke ist jedoch falsch, denn wie bereits erläutert, laufen Open-Book-Prüfungen anders ab. Wenn Hilfsmittel bei einer Online-Prüfung zugelassen werden, sollte ein echtes und tatsächliches Verständnis der Lerninhalte vorhanden sein. Die Studierenden sollten fähig sein, Wissen zu organisieren und zu verknüpfen, Kontexte zu verstehen und zu bewerten, Sachinhalte zu interpretieren und kritisch zu denken. Darüber hinaus müssen sie dies in eine gut strukturierte und (fach)sprachlich korrekt geschriebene Antwort umsetzen. Die Studierenden gehen hier methodisch vor, müssen dabei wichtige Aspekte von unwichtigen unterscheiden können, sollten eine Meinung zu einem bestimmten Sachverhalt liefern und in der Lage sein, logisch und fachkompetent zu argumentieren. Das ist mit wenig Vorbereitung und vor sich liegenden Notizen kaum machbar. Ein Single-Choice-Fragen-Test dagegen fragt Fachwissen ab; Studierende erinnern Inhalte, rufen das Gelernte ab, brauchen es aber nicht unbedingt zu verstehen. 

Die Open-Book-Prüfung ist letztlich eine von vielen Prüfungsarten und natürlich müssen im Studium Fachbegriffe, Vokabeln und Definitionen gelernt werden und jederzeit abrufbar sein. Dieses Wissen aber in einer größeren Prüfung zu testen, scheint jedoch in einigen Szenarien von gestern. Vielmehr sollten solche Abfragen regelmäßig im Studienalltag, z. B. wöchentlich im Seminar, stattfinden. Nichtsdestotrotz: Prüfungsformate mit Antwort-Wahl-Verfahren haben ihre Berechtigung. 

Es liegt letztlich an den Dozentinnen und Dozenten, welche Prüfungsvariante am besten zu ihren Prüfungszielen passt und wie ihr Lernstoff am sinnvollsten bearbeitet werden kann. Sie sind es, die die Prüfungsaufgaben so formulieren müssen, dass sie selbst mit Hilfe von Lehrbüchern, Skripten und anderen Materialien herausfordernd genug sind. Nur: Was ist eine herausfordernde und angemessen schwierige Frage?

Beispielhafte Prüfungsfragen im Open-Book-Format:

  • praxisnahe Fallbeispiele, die von den Studierenden analysiert und bewertet werden, z. B. anhand von bestimmten Kriterien 
  • Aufgaben, bei denen es um die Konzeption eines geeigneten Untersuchungsdesigns geht
  • Fragen, bei denen die Studierenden widersprüchliche Sachverhalte diskutieren (Pro und Contra)
  • Aufgaben, bei denen Theorien auf ein aktuelles Thema angewandt werden müssen

Ein großer Vorteil einer Open-Book-Prüfung besteht in der Möglichkeit, dass Studierende nicht nur Auswendig-Gelerntes zeigen, sondern vielmehr ihre Lernleistungen auf höherem Niveau beweisen können. Sie werden sich entsprechend auch ganz anders auf die Prüfung vorbereiten. Diese Anforderungen sind alltagsnäher haben mit der tatsächlichen beruflichen Praxis zu tun.

Quellen und weiterführende Links

Ballweber, J. | netzpolitik.org (22.08.2020): Hochschule überwacht Studierende bei Online-Klausuren. (http://netzpolitik.org/2020/proctoring-hochschule-ueberwacht-studierende-bei-online-klausuren/)

Gontek, F. und J. Petter | SPIEGEL.de (18.12.2020): Was bei Onlineprüfungen erlaubt ist – und was nicht. (http://www.spiegel.de/start/digitales-semester-wegen-corona-was-bei-online-pruefungen-erlaubt-ist-und-was-nicht-a-0bea64d5-3746-47db-9914-dce9a437065c

Warnecke, T. und A. Burchard | tagesspiegel.de (31.07.2020) Klausur mit Überwachungskamera im WG-Zimmer. (http://www.tagesspiegel.de/wissen/debatte-um-unipruefungen-im-digitalsemester-klausur-mit-ueberwachungskamera-im-wg-zimmer/26054238.html)

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